Wärmeenergie aus dem Klärwerk

14. Oktober 2026
5 min
Die ad hoc bau.werk setzte die elektronische Steuerung für ein einzigartiges Versorgungssystems in Schmölln um.

In Schmölln gibt es ein bundesweit einmaliges Wärmekonzept. Im Robert-Koch-Viertel werden 120 Wohnungen über ein kaltes Nahwärmenetz mit Energie aus der kommunalen Kläranlage versorgt. Das Projekt wurde initiiert von den Stadtwerken Schmölln, der Stadt Schmölln und der VR Bank, die Eigentümer der Wohnhäuser ist. Damit genau die Wärme bereitsteht, die in den Häusern gerade benötigt wird, braucht es eine zentrale Steuerung. An dieser Stelle kam die ad hoc bau.werk ins Spiel.

Im Auftrag des ausführenden Fachbetriebs Plecher & Herden plante und installierte die ad hoc bau.werk die elektronische Steuerung in der Energiezentrale des Klärwerks. Ihre Aufgabe: Die Anforderungen der Wärmepumpen in den angeschlossenen Wohnhäusern aufnehmen und dafür sorgen, dass die benötigte Energie aus dem Klärwerk in Richtung der Gebäude bereitgestellt wird.

Wie kann Abwasser ein Wohnviertel beheizen?

In der kommunalen Kläranlage Schmölln wird Wärme aus dem gereinigten, 10 bis 20 Grad Celsius warmen Abwasser über Wärmetauscher aufgenommen und in das Nahwärmenetz übertragen. Für die Technik wurde ein extra Gebäude errichtet, auf welchem die ad hoc bau.werk eine Solaranlage installierte. Auf diese Weise wird die Technikzentrale nahezu autark betrieben. Vom Klärwerk führt das rund 3,2 Kilometer lange, kalte Nahwärmenetz bis in das Robert-Koch-Viertel.

Im Rohrnetz, circa 150-200 cm unter der Oberfläche, zirkuliert als technischer Wärmeträger ein Wasser-Glykol-Gemisch. „Kalt“ klingt in Verbindung mit Heizen zunächst widersprüchlich. Gemeint ist damit, dass das Wasser im Netz nicht bereits mit klassischen Heiztemperaturen transportiert wird. Es bewegt sich mit etwa 10 bis 20 Grad Celsius auf einem vergleichsweise niedrigen Temperaturniveau. Das hat einen entscheidenden Vorteil: Die eigentliche Arbeit, aus dieser Umweltwärme nutzbare Heizwärme zu machen, findet erst dort statt, wo sie gebraucht wird.

Wärmepumpen machen aus Umweltwärme Heizwärme

Bei den zwölf angeschlossenen Häusern handelt es sich um Mehrfamilienhäuser aus den 1960er- und 1970er-Jahren. Die vorhandenen Heizkörper mussten für das neue Versorgungssystem nicht ausgetauscht werden. Insgesamt 21 Sole-Wasser-Wärmepumpen entziehen dem kalten Nahwärmenetz Energie und bringen sie auf ein Temperaturniveau, das für Heizung und Warmwasser benötigt wird. Dabei können Vorlauftemperaturen von bis zu 60 Grad Celsius erreicht werden.

ad hoc bau.werk ermöglicht Steuerung zwischen Klärwerk und Wohnhäusern

Damit das System funktioniert, reicht es allerdings nicht, Wärme aus dem Abwasser zu gewinnen und Leitungen zu den Häusern zu legen. Energiequelle und Verbraucher müssen miteinander kommunizieren. An einem kalten Wintermorgen benötigen die Wärmepumpen eine andere Leistung als an einem milden Herbstmittag. Hinzu kommt der Warmwasserbedarf, der laufend andere Anforderungen an das System stellt.

An dieser Stelle setzt die elektronische Steuerung in der Technikzentrale ein. Vereinfacht lässt sich das Prinzip mit einer Bestellung vergleichen. Die Wärmepumpenanlagen in den Gebäuden melden ihren Bedarf. Die Steuerung verarbeitet diese Anforderungen und sorgt dafür, dass entsprechend Energie aus dem Bereich der Kläranlage über das Netz bereitgestellt wird. Damit die Daten gesendet werden können, verlegte die ad hoc bau.werk ein Glasfasernetzwerk zu den Gebäuden.

Zur Elektroinstallation in der Technikzentrale zählten zudem folgende Leistungen der ad hoc bau.werk:

  • Verkabelung von Pumpen, Sensoren, Ventilen etc.
  • Planung und Bau der Schaltschränke für Mess-, Steuerungs- und Regelungstechnik
  • Elektroinstallation in der Technikzentrale
  • Erarbeiten des Regelungskonzept mit dem Ingenieurbüro und von der ad hoc bau.werk beauftragten Firma, welche die Programmierung der Schaltschränke und der Gebäudeleitrechner übernahm

Für die ad hoc bau.werk ist das Projekt ein Beispiel dafür, wie sich klassisches Elektrohandwerk verändert: Neben Leitungen und elektrischen Anschlüssen werden Steuerungs- und Regelungssysteme immer wichtiger, wenn Gebäude und Energieinfrastrukturen miteinander vernetzt werden.

175 Tonnen weniger CO₂ pro Jahr

Nach Berechnungen für das Projekt können die jährlichen CO₂-Emissionen der Wärmeversorgung von rund 208 Tonnen auf etwa 33 Tonnen sinken. Das entspricht einer Reduzierung um rund 84 Prozent pro Jahr. Oliver Terne, Projektleiter bei den Stadtwerken Schmölln, dazu: „Zum jetzigen Stand, an dem wir noch nicht alle Daten aus dem ersten Jahr komplett ausgewertet haben, gehen wir davon aus, dass die Einsparungen in etwa den Erwartungen entsprechen. Bei den Berechnungen sind wir von einem durchschnittlichen Winter ausgegangen. Je nach Wetter kann es zu Schwankungen kommen.

Seit dem 23. Oktober 2025 ist das System offiziell in Betrieb. Es handelt sich um das erste kalte Nahwärmenetz Deutschlands, bei dem Abwasserwärme auf diese Weise für einen bestehenden Wohngebäudebestand eingesetzt wird. Weitere Stadtwerke haben Interesse, ähnliche Projekte durchzuführen. Rund 3,2 der 3,5 Millionen Euro wurden durch das Thüringer Ministerium für Umwelt, Energie, Naturschutz und Forsten bereitgestellt.

Projekt mit bundesweiter Strahlkraft

Das Besondere am Pilotprojekt „Klärwärme Schmölln“ steckt nicht allein im Abwasser und auch nicht allein in den Wärmepumpen. Entscheidend ist das Zusammenspiel: Eine vorhandene Energiequelle wird erschlossen, über ein neues Netz mit bestehenden Gebäuden verbunden und dort genau dann nutzbar gemacht, wenn Wärme benötigt wird.

Weiterhin wird die industrielle Abwärme eines Industriebetriebes (KTS Schmölln GmbH) für die Erwärmung des Netzes, sowie die Erdwärme über die gesamte Leistungslänge von 3,4 km genutzt.  Die Einsparungen an CO₂ sind immens.

Damit ist das Schmöllner Projekt ein interessantes Praxisbeispiel für eine der großen Fragen der Wärmewende: Wie lassen sich nicht nur moderne Neubauten, sondern auch bestehende Wohngebäude auf neue Wärmequellen umstellen? Angesichts der Vorgaben vom Gesetzgeber ist das eine Frage, die alle Stadtwerke in Deutschland betrifft. Die Stadtwerke Schmölln sind im Austausch mit anderen Stadtwerken, die ähnliche Projekte umsetzen möchten.

Pressekontakt

Anna Schroeder
PR Referentin

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